Sonntag, 15. Januar 2012

Der Goldene Schnitt: 1. Versuch


Glücklich, wer Schwestern hat, die die eigenen Vorlieben kennen und/oder teilen. So bekam ich glückliche zu Weihnachten von meinen Schwestern unter anderem eine Ausgabe vom „Goldenen Schnitt“. 


Das Buch müsste aus den frühen 50ern stammen, das genaue Erscheinungsjahr ist leider nicht ersichtlich. Aber zum Buch werden Ergänzungen zu DM-Preisen beworben und die abgebildeten Modelle entsprechen dem Stil der frühen 50er Jahre.
Sehr erfreut über mein Geschenk schlug ich meiner Schwester D. vor, wir könnten doch mal ein gemeinsames Nähwochenende planen und uns am „Goldenen Schnitt“ versuchen. Zu meiner großen Freude gefiel ihr der Vorschlag und sofort folgte ein Geständnis:
Sie habe ein Exemplar des „Goldenen Schnittes“, schon etwas länger, eine Ausgabe von 1941, leider nicht ganz vollständig.
Vorletzte Woche setzten wir unser Vorhaben in die Tat um. Nach kurzer Überlegung wählte jede ein Kleid aus der eigenen Ausgabe.
Ich entschied mich für dieses Modell:


Nicht wirklich davon überzeugt, dass ein tragbares Kleid aus diesem Experiment entstehen könnte, wählte ich einen günstigen Stoff (2Euro/m), den ich in Berlin am Maxbachufermarkt gekauft hatte und über dessen Kauf ich nicht richtig glücklich war. Zu sehr erinnerte mich der Stoff nach längerem Betrachten an „Dorfoma“, meine Schwester unterstellte mir gar, ich hätte einen Kopftuchraub begangen.

 
Die Schnitterstellung ging flotter als gedacht und die entstandenen Schnittteile ähnelten tatsächlich konventionellen.
Einige Schwierigkeiten und Fehler hieß es zu bewältigen:
Der Halsausschnitt war erst etwas zu klein (trotz meines Minikopfes!).
Das Oberteil war zu kurz und leider mehr zu kurz als ich erst dachte.
Nachdem ich die Schnittteile vorher vermessen hatte, dachte ich, die Weite würde passen, leider vergaß ich dabei das hintere untere Rockteil und das war dann genau das Teil, dass sich dann als zu schmal herausstellte.
Mit ein bisschen Rumpfuschen ließ sich der Schnitt aber einigermaßen anpassen und ein Kleid entstand.



Meiner Meinung nach durchaus tragbar, trotz Oma-Stoff.
Die dreiecksförmige Abnäherkräuselung am vorderen Rockteil irritiert mich ein bisschen. 
Denn lenkt sich mein Blick auf diese Stelle, so muss ich unwillkürlich an eine Dreiecksassoziation aus Grass´ Blechtrommel denken.



Ihr jetzt alle auch oder schon vorher?
Der Gürtel zieht hoffentlich gewöhnlich den Blick eine Etage höher und alles ist wieder gut.


Für kühlere Tage brauche ich noch ein farblich passendes Jäckchen zum Kleid.
Da habe ich schon zwei Modelle im Sinn, denn ich bekam noch ein weiteres Geschenk von meinen Schwestern.


Glücklich ist, wer solche Schwestern hat.

Julia

PS: Ich hoffe, ihr seht das andere Ergebnis unseres gemeinschaftlichen Nähens bald hier.

Kommentare:

  1. Hallo Julia,
    zur Datierung des Buches möchte ich dir schreiben.
    Kurz vor Weihnachten ist so ein goldener Schnitt auch in mein Nähzimmer eingezogen. Das Titelblatt sieht genauso aus. Das Erscheinungsjahr meines Buches findet sich etwas versteckt auf der ersten Seite, ganz unten, im letzten Absatz, letzte Zeile,
    Druck:.....15000/6.49/Klasse B
    soll heißen:
    Auflage 150000
    gedruckt Juni 1949

    Dein Kleid findet sich bei mir auf Seite 45.
    Ja, der Stoff ist altmodisch. Ich bin noch sehr ambivalent was diese Schnitte angeht. Zunächst hat mich mehr die Technik interessiert. Manche Ergebnisse sind gewöhnungsbedürftig, trotzdem werde ich sicher auch mal was auspobieren.

    Freundlicher Gruß
    Mema

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  2. Beim Goldenen Schnitt werden viele Muster über Jahre hin unverändert eingestellt, da ist das genaue Datieren oft schwierig, vor allem in den 40ern.

    Und Lesen ist ja so eine Sache: ich kenne schon den Stiefel-Tern, die Blumentopferde, aber einen Stoff namens Dor-Foma war mir bislang nicht bekannt - das erschloß sich mir erst beim zweiten Hinschauen ... ;-)
    Nö, Dorfoma würde ich nicht sagen, ich mag es! Wie trägt es sich denn?

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  3. Auf den Fotos sieht man die von Dir angesprochenen Kräuselungen gar nicht. Wahrscheinlich liegt es am Muster.
    Mit einem Strickjäckchen wird das sicher sehr schön aussehen!

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  4. Ich finds schöner als jeden Morgenmantel von Mutter Beimer! Da haben wir ganze Arbeit geleistet. Und ich freue mich auf das nächste gemeinsame Nähprojekt!

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  5. Sehr unterhaltsam......ich trau mich ja an so was nicht ran...hab ' Angst das ich die Anleitung nicht verstehe....muss meinen Schweinehund endlich mal überwinden...denn langsam wird es mit den " bekannten Schnitten " langweilig.
    Du siehst wie immer klasse aus....ich muss immer schmunzeln was du für Stoffkäufe tätigst....son Glück hab ich NIE....mir gefällt er !
    Sei ganz lieb gegrüßt Yvonne

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  6. Das Kleid an sich sieht doch sehr passabel aus. Chapeau! Der Stoff erinnert mich in seinen Eigenschaften ein wenig an Herrn Tur Tur. Je weiter der Betrachter entfernt ist, desto Sonntagsjersey.....Jetzt weißt du ja, dass es funktioniert, da kannst du es das nächste Mal ruhig krachen lassen und den Dreieurostoff nehmen ;-)

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  7. Das Kleid sieht doch toll aus. Ich persönlich mag ja auch Omastoffe... :) Ich hätte nicht gedacht, dass sich aus den alten Schnitten tatsächlich noch etwas tragbares machen lässt. Du gibst mir neuen Mut, um endlich ein Kleid aus der alten 50er Jahre Burdaausgabe zu nähen. Ich verbleibe gespannt auf deine Strickerei, sende liebe Grüße und wünsche dir einen schönen Sontag Abend,
    Nova

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  8. Das ist sehr schön geworden! Ein bisschen schade finde ich, dass die schönen Details bei dem Muster ganz untergehen (naja, du bist wahrscheinlich froh, dass gewisse Details optisch verschwinden - nein, ich sehe das Dreieck selbst nach deinem Hinweis im Kleid nicht, nur auf dem Schnittmuster).

    Hübsch. Mich hat das auch immer gereizt, mit dem goldenen Schnitt, aber ich glaube noch ein neues Projekt wäre jetzt wirklich übertrieben.

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  9. Hi Julia,

    in dem Stoff siehst du glatt 2 Jahre älter aus! Aber damit kann man ja leben, oder? Immerhin passt der Stoff gut zum Schnitt - und falls da irgendwelche Probleme oder Fehler waren - der Stoff verzeiht das, man sieht nichts...

    Wie nett, dass du dieses Projekt mit deiner Schwester zusammen durchgezogen hast!

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  10. Vielen Dank für eure Kommentare!
    @Mema: Danke für den Hinweis. In meinem Buch ist da vermutlich die Stelle professionell (von Verlagseite her) überklebt. Aber 1949 kann auch gut sein, nach der Währungsreform halt.
    @Michou: Das Kleid trägt sich gut. Der Stoff hat nahezu kein Plastikgefühl. Unterrock ist aber Pflicht. Die Passform ist gar nicht übel. Im Gegensatz zu vielen burda-schnitten erlaubt mir dieses Kleid sogar meine Hände über die Horizontale zu bewegen.

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  11. Oh, ich beneide dich um die Schwestern! Aber da das bei mir nicht mehr zu ändern ist, beglückwünsche ich dich einfach dazu. Und zu den tollen Geschenken und dem tollen Kleid. Ich mag Omablümchen und Omakleider. Aber das Dreiecke kann ich auch nicht entdecken.

    Danke für die tolle Post! Vielen Dank! Ich bin gespannt, was der Stoff werden will. Aber das wird er mir wohl erst im Frühling flüstern.

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  12. Hallo Julia, Du siehst mich beeindruckt und auch ein bißchen neidisch....irgendwann im Herbst habe ich mir selbst den Goldenen Schnitt geschenkt - dieselbe Ausgabe wie Deiner. Ich hatte mich sehr über das Schnäppchen gefreut. Es dauerte ein Weilchen bis mir auffiel, warum ich ein Schnäppchen gemacht hatte: die zum Erstellen der Schnitte erforderliche "Maßscala" fehlt in meinem Buch :-(... ich werde die Schnitte also wohl nur als Inspiration nutzen können!Aber toll, wie Du das passformtechnisch hingekriegt hast! Und der Stoff ist nicht Dorfoma....das nennt man nostalgisch....und paßt einfach toll zu dem Modell.
    Gruß von malarte

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  13. Schwestern sind eindeutig eine tolle Erfindung....
    Und das Dor-foma-Kleid ist einfach schön geworden.
    Ich bin immer wieder begeistert, dass diese Schnitte tatsächlich funktionieren..

    LG
    Wiebke

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  14. @Malarte: Meine Schwester (Link ist unten am Post) hat eine Seite verlinkt, auf der sich eine Anleitung zu Goldenen Schnitt befindet. Dort kannst Du dir auch das Maßband runterladen. Ich hatte es auch nicht im Original, sondern von dieser Seite.

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    1. Dankeschöööööööön! Danach habe auch ich schon verzweifelt gesucht. Nun kann ich auch endlich ausprobieren gehen.

      Grüsse
      Judith

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    2. Hallo Julia
      bin gerade auf deinen Blog gestoßen. Kannst du mir nochmal den Link für das Maßband schicken, ich kann ihn nicht finden.
      Danke

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    3. Hallo Silvia,
      schau mal hier:
      http://www.return2style.de/homepage.htm

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  15. Wie kann das sein, dass ich deinen Blog irgendwie nie bewusst wahrgenommen habe? Eine Schande, wirklich, denn ich habe gerade soviel schöne Kleider bei dir gesehen.
    Goldige Wolle habe ich leider nicht...
    Herzliche Grüsse, Allerleirauh

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  16. Liebe Julia,
    zuallererst beneide ich dich um deine Figur, die dieses Kleid erst tragbar macht. Und zum zweiten möchte ich mich herzlichst für den Maßskala-Tipp bedanken. Denn auch ich habe einen Goldenen Schnitt zwischen den Nähutensilien stehen, von 1940. Und ich weiß leider nicht mehr, wer mir diese Kostbarkeit überlassen hat. Was mir jetzt noch fehlt, wären nähbegeisterte Schwestern, die sich mit mir fernab von allen Familienpflichten ins Nähstübchen einsperren lassen und als 40er Jahre Models wieder erscheinen.
    LG Stephanie

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  17. Auch toll! Mann, Mann, Mann. Da komm ich mir wie die total Leie vor. Hm....

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  18. Oooh... Wahnsinn!

    1941...? ein zum Kleid gewordenes Militärhemd. Klassische A-Linie. Ich stell es mir aus knackigem hellgrauen Baumwollstoff vor, dann würde man die Raffungen an den Seiten des Oberteils und an der Hüftpwasse viel deutlicher sehen. Könnte dann fast bei Valkyrie mitspielen.

    Ich glaube, die spitz zulaufendede Passe unter dem Bauch ist tatsächlich auch damals schon ein historisierendes Detail, Oberteile laufen doch schon seit der Renaissance spitz nach unten zu. Kann aber schon sein, dass das damals schon die starr stiliserte Form eines ursprünglich anzüglichen Details war. Man trug ja auch vorne geteilte Röcke und zeigte den Unterrock...

    1949 gerade noch tragbar. Janina David in "Light over the Water" ("Ein Stück Erde") beschreibt ihre Schneiderlehre im Paris der späten 40er Jahre und wie sie diesen strengen, stoffsparenden Stil hasste. Und dann kam Dior und die weiten, schwingenden Röcke, Kleider mit leichten Oberteilen: Endlich wieder das Leben geniessen!

    Ich habe neulich mal was aus dem Burda-Downloadschnitt von 1954 gemacht, mal sehen, wann ich das online stellen kann.

    Grossartige Arbeit und tolles Geschwisterprojekt... und ich glaube, der geblümte Stoff lockert gerade die strenge Linie des Kleides etwas auf.

    Toll!

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