Samstag, 27. August 2011

Auftragsarbeit


Achtung: Für Freunde der gepflegten Blogunterhaltung, die gerne auch in einer zauberhaften Bilderflut schwelgen, ist dieser Post nichts, denn Meister Pfriem meldet sich zu Wort:

Was ist Dummheit? Wenn man den gleichen Fehler zweimal macht. Was ist es dann, wenn man den gleichen Fehler ein viertes Mal macht?

Nach diversen Erfahrungen, die ich schon mit „Taschen nach Wunsch“ gemacht habe, hatte ich mir eigentlich geschworen, nie wieder eine Tasche speziell nach Kundenwünschen anzufertigen. Als Mahnmal habe ich sogar eine gescheiterte Auftragsarbeit in meiner Werkstatt hängen.
Nun aber konkret: Was ist so schlimm an Auftragsarbeiten?
Es gibt Auftragsarbeiten, die gar nicht so übel sind, wenn man relativ frei bei der Ausführung ist. Das sind Aufträge wie:

-       „Hier ist mein Abendkleid, nähen  Sie bitte ein passendes Täschchen dazu.“
-       „Hier ist ein alter Polsterstoff, bitte fertigen Sie daraus eine Handtasche.“

Schlimm sind die Aufträge, bei denen die Kundin komplett mitbestimmen will:
Aus diesem Motiv soll mit diesem Stoff, diesen Henkeln in dieser Form eine Tasche in der Größe xy entstehen.

Was ist denn daran schlimm? Das sind doch klare Ansagen, ein ganz konkreter Auftrag.
Nein, ich lege eine überhebliche Arroganz an den Tag, die ich mir erlauben kann, da ich finanziell nicht von meinem Hobby abhängig bin (und es bei meinem „Lohn“ auch gar nicht sein könnte).
Wenn ich einen Stoff oder ein Motiv sehe, weiß ich meistens gleich, welchen Schnitt, welche Farbe, welche Größe... ich verwende. Motiv oder Stoff flüstern mir das ein. Es ist zwar nicht immer so, dass ich jedes Mal von der Muse geküsst werde, aber ich habe einfach schon recht viele Taschen genäht und weiß, was zusammen harmoniert und funktioniert.
Bei diesem Auftrag sollte ich ein Stickbild in eine Tasche integrieren. 


Ich lehnte ihn zunächst ab, aber die Dame, eine gute Kundin, konnte mich dann doch überreden. Sie hätte diese Stickbild von einer Freundin bekommen. Diese hat daran recht lange gestickt, aber die Kundin könne dieses Bild (verständlicherweise) aus geschmacklichen Gründen nicht in ihre Wohnung hängen, sie möchte aber dennoch die Arbeit der Freundin würdigen und bitte mich daher, daraus eine Tasche zu nähen. 
So weit, so gut. Ich sah das Bild und sah gleich die Tasche, die daraus werden könnte. 
Die Kundin hatte aber eine ganz andere Vision. 
Kunde ist König und so musste die Tasche natürlich eine andere werden.
Was ist schlimm? Schlimm ist, dass ich keine Lust habe, etwas zu nähen, von dem ich nicht überzeugt bin. Ich schiebe das dann vor mir her, verbiete mir aber gleichzeitig was anderes zu nähen, da mir noch der Auftrag im Nacken sitzt. =Nicht-Nähfrust + Zeitverlust.
Endlich aufgerafft und mit dem Zuschneiden begonnen, schleichen sich ungute Gefühle ein:
Bin ich hier ein Taschensklave? Gekränkt und eingeschränkt in meiner künstlerischen Freiheit wird meine Werkstatt zum Puff, in dem ich Dinge gegen Bezahlung schaffen muss, die ich nicht will...
Bevor das Reinsteigern noch politisch unkorrekter wird, stoppe ich hier lieber mit meinem Wohlstandsgeseiere und zeige euch lieber das Corpus delicti:


Was ein peppiges kleines Handtäschchen hätte werden können, hängt hier als großes unförmiges Ungetüm, das nicht weiß, ob es eine Einkaufstasche, eine ungeeignete Badetasche oder eine lapperige Laptoptasche sein soll.

Meister Pfriem


PS: Befreit nun von diesem Katzenjoch, kann ich nun endlich wieder mit Freude an die Maschine. Hurra!

Kommentare:

  1. Armes, du hast mein Mitleid und wirst beim nächsten Mal gewiss "Nein" sagen. Lg Heike

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  2. Jetzt würde ich ja gerne noch deine Version des kleinen Handtäschchens sehen. Angesichts des Ausgangsmaterials finde ich die große Tasche nämlich schon ganz gut gelungen - ich wäre da wohl wie der Ochs am Berg davor gestanden.
    lg Tagpflückerin

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  3. Ich hätte es mir jetzt auch anhand Deiner Beschreibungen schlimmer vorgestellt (wobei es mich auch nicht wirklich vom Hocker reißt, also das Design - Deine Arbeit ist natürlich perfekt, wie immer, ich wünschte, ich hätte diese Arbeitsweise!) - insofern bin ich umso neugieriger, was Du daraus gemacht hättest.

    Deine Gefühle verstehe ich! Nimm doch nächstens so einen Auftrag wirklich nicht mehr an! Ich meine, das ist Dein Hobby, und ein Hobby muss Spaß machen. Und Dein Hobby ist nicht "Fertigung", sondern "Kreativität"! Und genau darum werden Deine Werke auch geschätzt, weil Du sie nicht nach Schema F abarbeitest, sondern weil jedes einzelne DEINEN kreativen Entstehungsprozess durchläuft. Und wenn ein Kunde das nicht akzeptieren will, bedeutet das, dass er DICH nicht akzeptiert. Es gibt auch Schneider, denen kann man sowas auch geben, die arbeiten nach Auftrag, das ist deren Job. Nicht genug, dass das Projekt Dir so keinen Spaß macht - es beeinflusst Dich auch noch darüber hinaus und lähmt und blockiert Dich, und das ist es nicht wert.

    Ich hatte auch mal sowas, zwar nur ein Plakat, aber sehr kurzfristig (nicht mal zwei Abende), keine Möglichkeit zum Besorgen von Materialien ("use what you have"), und dann wollte man auch eigentlich nur Fotoausdrucke draufgeklebt haben, wollte mir sogar vorschreiben was, wie, wohin (hätten die das dann nicht einfach selbst machen können?) - da war ich nur total sauer. Schade um die verschwendete Zeit.

    Sorry, soviel wollte ich eigentlich gar nicht schreiben. Aber wirklich: bevor Du Dich das nächste Mal so runterziehen und lähmen lässt, denk vielleicht darüber nach, ob der Auftraggeber Dir DAS wirklich wert ist...

    Liebe Grüße, Verena

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  4. :-)

    Diese Katzen sind ja so... so... ich finde keine Worte...

    Die Geschmäcker sind doch -um es mal vorsichtig zu formulieren - recht unterschiedlich.

    Dafür sitze ich jetzt hier und grinse. Also, hab besten Dank für diesen Post.

    Schlaf schön!

    Caterina

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  5. Also ich hatte mein erster Blick auf das Bild auch ein anderes Täschchen im Kopf... Aber Kopf hoch, jetzt ist es vollbracht und ich freue mich schon wieder auf Neues aus deiner Ideenschmiede.

    Viele Grüße madebymyself

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  6. Liebe Julia, du bist eine Heldin! Hoffentlich bekommst du von dem Motiv keine Albträume :-) und deine Kundin liest hier nicht mit...

    Ich kann dich sehr gut verstehen, dass du dir deine kreative Freiheit auch bei Auftragsarbeiten bewahren willst. Das geht mir auch so. Bei meinen "Aufträgen" handelt es sich zwar mehr um Wünsche aus dem Familien- und Freundeskreis, aber auch hier musste ich schon darauf hinweisen, dass Nähen mein Hobby ist und ich mit allzu genauen Vorstellungen nichts anfangen kann und mich dadurch eingeschränkt fühle. Das macht dann nämlich keinn Spaß mehr. Und ich habe dann das Gefühl, das trägt nicht genug meine Handschrift.

    Liebe Grüße und ganz viiiiel Spaß beim Nähen von neuen kreativen und freien Projekten! Hella

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  7. Danke für eure lieben Kommentare.
    Ich habe diesen Post als kleinen Frustbefreiungsschlag geschrieben und als zweites Mahnmal für mich, nie wieder solche Aufträge anzunehmen.
    Die Bilder habe ich nun gelöscht, denn die Tasche hat ja großen Wiedererkennungswert und ich möchte niemanden mit meinem Post ärgern.

    Viele Grüße
    Julia

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  8. Ich kann so mitfühlen. Ich hasse Auftragsarbeiten. Ich arbeite viel lieber drauflos, u. wenn dann das Ganze einen Abnehmer findte, dann umso besser.
    lg Elke

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  9. Oh je, das hasse ich auch! Ich habe gestern eine Stunde gebraucht, um einer Bekannten zu erklären, dass ich das, was sie haben will, schlichtweg nicht KANN! Ich bin nunmal keine gelernte Schneiderin und von Schnittkonstruktion hab ich auch keine Ahnunge. Sie kam dann mit: "Aber wenn du das so und so machst, geht das ganz schnell..." Daraufhin hab ich sie vor die Tür gesetzt: "Wenn das alles so einfach ist, kannst du's ja selbst machen!"

    Ich hoffe, dass ich es auch irgendwann lerne, gleich nein zu sagen...

    LG

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  10. ich kann jetzt nur begrenzt "mitreden", da ich die Bilder nicht mehr gesehen habe. Aber ich sag dir, aus ähnlichen Gründen nehme ich keine Aufträge mehr an. Dazu kommt, dass ich mich beim "Fremdnähen" so unter Druck fühle alles korrekt zu machen, dass garantiert etwas schief geht. Bei eigenem Stoff bin ich entspannter, den kann ich notfalls entsorgen und bin nur mir Rechenschaft schuldig.
    Oh-oh, da fällt mir ein, es stimmt gar nicht was ich da schreibe: ich sollte zwei Morgenmäntel für die Verwandtschaft ... sapperlott, ich leide an Vergesslichkeit und werde meinen Vorsätzen untreu!
    lieben Gruß von Friederike

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  11. Mich blockieren Vorgaben auch sehr und so hocke ich schon seit einem halben Jahr an einem schlichten Schal. Zwischendurch gehen mir eigene Sachen/Ideen ganz leicht von der Hand... es ist wie verhext!
    Ich suche mir auch meist erst die Stoffe zusammen und dann ergibt sich was es werden soll.

    Es scheint, uns geht es ganz genauso!

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